Nidfurner Chronik

| 1274 | Im Säckinger Urbar (Urkundenbuch) wird „Obfuren“ erwähnt. Es befand sich womöglich nordwestlich von Nidfurn, also im Bereich Büel, eventuell auch auf der Matt. Ab 1400 verschwindet der Name Obfurn („Obfurt“). Nidfurn gehört bis 1395 wie der übrige Kanton zum Kloster Säckingen.

 | 1303 | Der Name „ze Nitfure“ erscheint als eigener glarnerischer Ortsname im Habsburger Urbar, dem Gesamtverzeichnis habsburgischen Besitzes in Deutschland (inklusive Elsass), Österreich und der Schweiz. Nach Luchsingen ist Nidfurn eine der ertragreichsten Gemeinden des Landes Glarus.
| 1349 | Nidfurn, bisher in Glarus kilchengenössig, gehört neu zu Schwanden, das 1350 seine Kirche einweiht.
| 1387 | In der ersten Glarner Verfassung, ein Jahr vor der grossen Schlacht in Näfels, gibt es nur noch 15 Tagwen (Gemeinden). Nidfurn, Obfurn, Leuggelbach, Luchsingen und Adlenbach sind nun zusammengeschlossen. Die genutzte Allmend ist die Ebene zwischen Leuggelbach und Luchsingen. Der Name „Eschentagwen“ bedeutet wohl, dass die drei Ortsteile ihre Saat auf der gemeinsamen Allmend ausbrachten. Nidfurn hat spätestens im 18. Jahrhundert wieder eine eigene Allmend.
| 1400 | Um 1400 bis 1450 herum wird das älteste Nidfurner und erste Blumerhaus, die „Hoschet“ gebaut. Das Hoschetgut ist damals eine der grössten Liegenschaften des Kantons.
| 1528 | Nidfurn schliesst sich dem Protestantismus an. Viele Jahre bis in die Neuzeit hinein zählt es ausschliesslich reformierte BewohnerInnen.
| 1640 | Landvogt Peter I. Blumer baut das zweite Blumerhaus, später „Bleiche“ oder Landvogthaus, damals mit sechs Stockwerken das höchste Gebäude des Kantons.
| 1660 | Bis 1850 ist die Bleicherei Nidfurns einziger, aber zugleich grosser Gewerbebetrieb (der Familie Blumer).
| 1687 | Das dritte Blumerhaus rechts der Strasse oberhalb der „Krone“ wird von Johann Jakob Blumer erbaut. 2011 wird es grundlegend renoviert und der wohl Ende 18. Jahrhundert angebrachte Verputz entfernt.
| 1708 | In Johann Heinrich Tschudis erster gedruckter Glarnerkarte ist erstmals die Linthbrücke Nidfurn-Haslen erwähnt.
 | 1714 | Die Glarnerchronik von J. Tschudi erwähnt die Nidfurner „Bleike“, womöglich der älteste Industriebetrieb des Kantons. *** Bis etwa 1770 floriert auch in Nidfurn die Baumwollhandspinnerei in zahlreichen Haushalten. Handwerk und Manufaktur sind in Nidfurn besonders gefragt, da der Ort neben minimalen Landreserven in der Talsohle auch nie Alpen besass.
| 1716 | Neben dem Tagwenvogt, dem Vorsteher der Exekutive, gibt es neu auch einen Dorfvogt, wohl etwa in der Funktion des Gemeindeverwalters.
| 1774 | Im zweiten Blumerhaus existiert ebenfalls eine Bleiche, gegründet von J. J. Blumer.
| 1779 | In Nidfurn wird ein eigenes Schulgut gegründet, was bisher in der näheren Umgebung nur Schwanden und Luchsingen (seit 1774) haben. Der erste Lehrer heisst Fridolin Blumer. 1780 eröffnet die Schule mit rund 50 Kindern. Unterrichtsort ist des Schulmeisters Wohnstube.
| 1784 | Eine ganze Reihe ehemaliger Allmenden wird privatisiert, in diesem Jahr zum Beispiel diejenige im „Händschen“.
| 1799 | Französische Truppen besetzen das Glarnerland. Zwischen Sepember 1798 und Oktober 1799 lagern 40'000 Franzosen im Glarnerland. Eine Abteilung der napoleonischen Truppen rückt vom Klausen her über Braunwald, Oberblegi und (wahrscheinlich) Nidfurn als Flankenschutz für das Gros der Truppen ins Grosstal vor. Nidfurn gehört in der napoleonischen Zeit des „Canton Linth“ gemäss dem Inspektorenbericht von Kultusminister Philipp Albert Stapfer politisch zu Schwanden.
| 1800 | Nidfurn, Haslen und Leuggelbach teilen die seit 1737 gemeinsam verwalteten Wälder untereinander auf. Der Tagwen ist jetzt im Wesentlichen ein Wahlkreis, während die Gemeinde Nidfurn in der nach-napoleonischen Zeit politisch selbständig ist. 1876 wird die Zivilstandsarbeit mit Leuggelbach zusammengelegt.
| 1811 | Der erste glarnerische Schulinspektorenbericht von Johann Melchior Schuler vermerkt in Nidfurn 55 Kinder, von denen „etwa 40 fleissig und unfleissig zur Schule kommen, die übrigen gar nicht“. Es gibt keine Klasseneinteilung. Die Schulqualität ist noch jahrzehntelang dürftig.
| 1835 | Das heutige Schulhaus wird eingeweiht. Nur sechs Glarner Gemeinden, darunter Glarus, Engi und Rüti hatten schon vorher eins, Ennenda und Sool 1832 je das erste. Die Schule wird weitgehend im Frondienst gebaut. Peter Blumer ist der erste professionell ausgebildete Lehrer im Dorf.
| 1837 | Der Kanton baut bis 1840 die knapp fünf Meter breite Strasse Schwanden-Hätzingen als Chaussee nach neuester Technik aus. Sechs Häuser oberhalb der Schule werden aus Platzgründen abgerissen. Der Kanton verwendet zeitweise rund 40 Prozent seiner Ausgaben für den Strassenbau. *** In Nidfurn wohnen 23 Drucker, davon 14 Modell-Stecher.
| 1847 | Im „Sand“ in Haslen eröffnet die Ennendaner Firma Barthlome Jenny mit der Spinnerei/Weberei einen der grössten Glarner Industriebetriebe. Viele NidfurnerInnen arbeiten bei Jenny. 30 Prozent der Belegschaft sind Kinder. Eine Zettlerin verdient 1863 1.10 bis 2.30 Franken pro Tag. Argumente für den Standort der Spinnerei/Weberei: Die nahe Linth als Energiequelle und der Tuch-Bedarf der Jenny-Druckerei in Ennenda.
| 1864 | Auf dem Höhepunkt der Glarner Textilindustrie arbeiten in der «Maschine» in Haslen 480 Personen, davon wohl etwa 30 bis 40 Prozent NidfurnerInnen.
| 1879 | Die Bahn von Glarus nach Linthal wird mit einem Bahnhof in Nidfurn („Nidfurn-Haslen“) gebaut. In den ersten Plänen der Nordostbahn NOB war nur eine Haltstelle und kein Vollbahnhof vorgesehen. Bis 1879 verkehrten zwischen Glarus und Linthal drei tägliche Postkutschenkurse mit zwei Stunden Fahrzeit.
| 1898 | Das Glarner Hinterland erlebt einen ausserordentlich harten Winter. Die Bahn steckt im Februar zwischen Nidfurn und Leuggelbach zwei Mal fest.
| 1899 | Der 1893 begonnene Bau der Klausenverbindung als Naturstrasse ist vollendet. Damit ist Nidfurn erstmals an den interkantonalen Durchgangsverkehr angeschlossen.
| 1910 | 14./15. Juni Hochwasserkatastrophe von Sernf und Linth; zwischen Nidfurn und Leuggelbach wird das Gleis unterspült, der Bahnverkehr wird unterbrochen, es entsteht eine Notbrücke. *** Höchstes Bahn-Personenaufkommen; 34‘000 Fahrten ab Nidfurn-Haslen jährlich oder knapp hundert Fahrten täglich, obwohl wegen des Hochwassers im Juni der Bahnverkehr mehrere Wochen unterbrochen ist.
| 1911 | Die Klausenstrasse geht für den Autoverkehr auf; in Nidfurn gibt es erstmals Transitverkehr vom Walensee her bis ins Urnerland.
| 1917 | Mordversuch einer überforderten Nidfurner Mutter an ihrem vierjährigen unehelichen Buben; sie stösst ihn in den Dorfbach, um ihn zum Verschwinden zu bringen. Das Kind überlebt. *** Die Gemeindetelefonstation befindet sich in der «»Krone».
| 1920 | Höchstes Bahngüteraufkommen in Nidfurn mit ganzjährig total rund 3’500 ankommenden und abgehenden Gütertonnen, im Wesentlichen Baumwolle für die Spinnerei-Weberei im „Sand“.
| 1925 | Nidfurn hat fünf Telefone, darunter eins der SBB, eins im «Hirschen», eines bei Stricker Jacques' Handlung „Drogen und Gewürze“ sowie die Gemeindesprechstation im Landvogthaus.
| 1933 | Die Bahnstrecke wird elektrifiziert.
| 1939 | Im Rahmen der Vorbereitung für die Landesausstellung 1939 gibt sich Nidfurn erstmals ein Wappen, eine Verbindung der Familienwappen Böniger und Blumer.
| 1944 | Landbesitzer in Leuggelen bauen eine kleine Personen- und Materialtransport-Seilbahn. 2010 wird sie rückgebaut, weil sich die Erneuerung für circa eine halbe Million Franken nicht rechnet. Personentransporte sind schon ab 1994 nicht mehr erlaubt.  *** Acht mal werden ab 1944 Nidfurner Leichtathleten Schweizer Marathonmeister, 1944 bis 1946 Kaspar "Chäpp" Schiesser, dann 1977, 1979, 1981, 1985 und 1987 Richard Umberg, der auch Trainer der Weltklasseläuferin Franziska Rochat-Moser wird.
| 1947 | Die Klausenstrasse wird etappenweise asphaltiert. Der Durchgangsverkehr in Nidfurn nimmt im Sommer langsam aber spürbar zu.
| 1983 | Der neue Verrucano-Brunnen auf dem Turnplatz ist Teil der Glarner Geo-Brunnen im Rahmen des Weltkulturerbe-Geoparks.
| 1984 | Der Nidfurner Bahnhof wird eine unbediente Station. Die Überbauung „Addacher“ nimmt Gestalt an.
| 1985 | Vom „Geisser“ lösen sich gegen 300 Kubikmeter Fels und donnern zu Tale. Ein 80 Tonnen schwerer Brocken donnert durch den „Blumerberg“, durschlägt den Wald und bleibt bei der Wegverzweigung in der „Bündt“ unmittelbar vor dem ersten Wohnhaus liegen. Der Stein wird als Mahnmal am Ort belassen.
| 1987 | Die Bürgergemeinde erwirbt den „Blumerberg“ in Leuggelen samt dem wichtigsten Teil der Nidfurner Wasserversorgung.
| 1991 | Neuer Primarschulkreis Nidfurn-Haslen-Leuggelbach: Jedes Dorf unterrichtet zwei von sechs Jahrgängen, Nidfurn die Erst- und Zweitklässler.
| 1998 | Der Ort bekommt mit der "Tödiplast" seinen ersten Industriebetrieb, 2002 mit der "Marelcom" seinen zweiten, beide unmittelbar neben dem Bahnhof.
| 2002 | Nidfurn verliert seine Post.
| 2003 | Nur noch fünf Gemeinderäte: Nidfurn kann das Siebnerkollegium nicht mehr voll besetzen.
| 2004 | Nidfurn verliert seine Schule und gründet "Pro Nidfurn".
| 2006 | Letzte Gemeindeversammlung: Nidfurn gibt seine Selbständigkeit auf und gehört jetzt mit Leuggelbach zusammen bis Ende 2010 zu Haslen. Das Dorf bekommt offizielle Strassennamen.
| 2007 | Nidfurns letzter Laden geht ein. 1980 hatte Emma Diethelm den Dorfladen an der Hauptstrasse von Frau Mettler-Thum übernommen. In den fünfziger Jahren gab es noch fünf Läden, eine Metzgerei (Hirschen) und eine Bäckerei (Landvogthaus).
| 2009 | Der Spielplatz wird in einer Gemeinschaftsaktion vor allem von Neuzuzügerinnen rundum erneuert. *** Das 1687 gebaute Blumerhaus neben der «Krone» wird renoviert. 
| 2010 | Das Mattsträsschen wird erstmals asphaltiert.
| 2011 | Nidfurn ist nach der umfassendsten Gemeindereform der neueren Schweiz Teil von Glarus Süd, der zu diesem Zeitpunkt flächenmässig grössten Gemeinde der Schweiz. *** Der Bahnhof wird renoviert. *** Die Kantate «Sankt Fridolin», getextet vom Nidfurner Walter Böniger, wird in Bad Säckingen/D aufgeführt.

Herzogenbuchsee, Dezember 2019; Hans Kaspar Schiesser

 

Quellen:

Blumer, Walter: Die Stammhäuser der Blumer in Nidfurn und Schwanden und ihre Bewohner; Bern 1951
Kaufmann, Andrea: Spinnen Weben Drucken – Pioniere des Glarnerlandes; 2014
Knobel, Ulrich: Nidfurner Bilder; Nidfurn 2017

Sauter, Marion: Saumpfad – Lini – Speedway; Die Erschliessung der Klausenpassstrasse; 2016

Schiesser, Hans Kaspar: Nidfurn 1917 - Alltag einer Glarner Gemeinde im vierten Kriegsjahr; in: Neujahrsbote für Glarus Süd, 2017
Zopfi, Fritz: Die Namen der glarnerischen Gemeinden; Glarus 1984

 

 

Einwohnerzahlen von Nidfurn

 

 | 1701 | 135
 | 1860 | 477
 | 1900 | 348
 | 1941 | 365
 | 1950 | 390
 | 1960 | 382
 | 1970 | 314
 | 1980 | 234
 | 1990 | 279
 | 2000 | 258
 | 2018 | 266